Informationen
Wer wir sind
Im Projekt kommen verschiedene Akteur*innen aus Bautzen und Ostsachsen zusammen, die gemeinsam das Ziel verfolgen, die zivilgesellschaftliche Selbsthilfe zu stärken. Immer wieder kommen Menschen im öffentlichen Raum unfreiwillig in Situationen, in denen sie bedroht, verfolgt, belästigt werden oder auf irgendeine Weise Unterstützung benötigen. Dies kann aus den unterschiedlichsten Gründen passieren. Noteingänge sollen Betroffenen von sexualisierter und rechter Gewalt ebenso unterstützend zur Seite stehen, wie Rentner*innen in gesundheitlichen Notlagen. Beispielhaft kann hier genannt werden, dass es in Sachsen im Jahr 2022 laut dem RAA 205 Fälle rechter Gewalt mit 314 Betroffenen gab, ein klarer Anstieg zu den Vorjahren. Weiterhin werden laut der VisSa-Studie 9 von 10 Frauen in ihrem Leben sexuell belästigt, sexualisierte Gewalterfahrungen werden von 30% aller Frauen gemacht . Diese Zahlen zeigen, dass es dringend sichere Orte und unterstützende Netzwerke braucht.
Unser oberstes Ziel ist es Anlaufpunkte zu schaffen, die im öffentlichen Raum erkennbar und leicht erreichbar sind. Als Noteingang zählt es vor allem auf die Bedürfnisse der Hilfesuchenden einzugehen und ihnen in der akuten Notsituation beizustehen.
Schon das Gefühl mit einer Situation nicht allein zu Sein, kann für Betroffene hilfreich sein. Außerdem schafft im Fall einer bedrohlichen Situation das Betreten des Noteingangs auch eine physische Abgrenzung. Wir wissen, dass wir dadurch die größeren, teils strukturellen Probleme der Gesellschaft nicht beseitigen können. Doch was wir können, ist, Menschen das Gefühl und das Wissen zu geben, dass es eine Zivilgesellschaft gibt, die sie in schwierigen Situationen nicht allein lässt. Darüber hinaus hoffen wir, so eine Vernetzung von Orten und Menschen mit Zivilcourage anzustoßen.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Orten und Menschen, die sich dazu entschlossen haben, dieses Projekt zu unterstützen und so gemeinsam einen Schritt vorwärtszugehen in Richtung einer solidarischen, sich gegenseitig unterstützenden Gesellschaft.
Historie
Bereits 2017 wurde durch zivilgesellschaftliche und öffentliche Akteur*innen die Idee von Noteingängen in Bautzen diskutiert. Zum damaligen Zeitpunkt wurde dieses schon in anderen Orten praktizierte Konzept im Kontext der rassistischen Angriffe und Bedrohungsversuche auf Personen in Bautzen im Sommer und Herbst 2016 diskutiert. Dem sich ausbreitenden Gefühl von Angst und Unsicherheit sollte damit entgegengetreten werden. Die beiden adressierten Schwerpunkte des damaligen Umsetzungsversuches waren zum Ersten eine Diskussion zum Thema „Wie gehen wir in unserer Stadt mit solchen Umständen um?“ / „Sind die Bürger*innen der Stadt Bautzen bereit, sich für ein solidarisches Miteinander einzusetzen?“ und zum Zweiten das konkrete Vorhaben, Schutzräume/Zufluchtsräume für Menschen zu schaffen, die eingeschüchtert, beleidigt oder in der Stadt verfolgt werden. Das Projekt wurde final nicht umgesetzt. Gründe für das damalige Scheitern konnten bisher nur vereinzelt und anekdotenhaft in Erfahrung gebracht werden.
Im Jahr 2022 wird ein neuer Versuch gestartet, dieses Vorhaben in Bautzen umzusetzen, da strukturelle Probleme mit Gewalt und Bedrohungsszenarien weiterhin aktuell sind und die daraus resultierende Angst und Einschüchterung bei Betroffenen zur persönlichen Selbsteinschränkung oder Resignation geführt hat. Mit den persönlichen Selbsteinschränkungen und der Resignation müssen Betroffene für das übergriffige Verhalten von Täter*innen bezahlen. Als Gruppe Keep Together machten wir es uns zur Aufgabe, dieses Projekt umzusetzen. Keep Together wurde ursprünglich gegründet, um akut Versuchen rechtsextremer Einflussnahme in der Region Bautzen entgegenzuwirken. Dies bezog sich konkret auf Vorhaben der Eröffnung eines rechten Tattoostudios sowie eines rechten Jugendclubs durch das Umfeld des Neuen Deutschen Standards, einem rechtsextremen sogenannten Musiclabel. Um von der Bearbeitung akuter Probleme zu einem nachhaltigen, positiven Einfluss auf die lokale Gesellschaft übergehen zu können, wurde das Projekt „Noteingang“ ins Leben gerufen.
Die Bewältigung dieser struktureller Probleme liegt nicht in den Möglichkeiten einzelner Akteurinnen und Akteure, dies muss über einen langen und umfassenden Prozess mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und Personen, der Stadt und ihrer Institutionen, Betroffenen sowie den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt gemeinsam erfolgen. Was jedoch vergleichsweise einfach möglich ist, ist das Schaffen kleinerer Verbesserungen für Betroffene von Gewalt und Bedrohung. Hier möchten wir ansetzen mit dem Projekt der Noteingänge, um für Betroffenen Orte zu schaffen, an denen sie konkreten Gewalt- und Bedrohungsszenarien entkommen können und für ihre Sicherheit gesorgt werden kann.
Das Projektes „Noteingang“ inkludiert in seiner Zielgruppe neben Betroffenen sexualisierter und rassistischer Gewalt auch andere Formen der Diskriminierung sowie niedrigschwellige Hilfen für Menschen, die desorientiert sind oder sich in medizinischen Notlagen befinden. Somit sollen jüngere und ältere Teile unserer Gesellschaft Unterstützung durch die Noteingänge erfahren. Diese breite Herangehensweise ist für uns wichtig, da nur durch das Wahrnehmen und Angehen verschiedener Problemlagen und Unterstützungsbedarfe ein solidarisches Gesamtempfinden in der Gesellschaft gestärkt werden kann.
Idee der Noteingänge
Die „Aktion Noteingänge“ entstand in den 90er Jahren in Berlin als Reaktion auf zunehmend rassistische Übergriffe. Dieses Konzept von antifaschistischen Initiativen hat sich in den Folgejahren bundesweit verbreitet und ausgeweitet (z.B. in NRW, Brandenburg und Sachsen). Mit der Verbreitung der Aktion haben sich auch die Bündnisse erweitert um Gewerkschaften, Parteien, Kirchen und weiteren – teils politisch undogmatischen – Gruppen.
Im Sächsischen Mittweida wurde ab dem Jahr 2007 die Aktion Noteingänge initiiert als Reaktion auf die Aktivitäten von rechtsextremen Strukturen in der Stadt und deren Umland – mit besonderem Fokus auf die Aktivitäten der mittlerweile verbotenen Organisation „Sturm 34“. Der Aktion Noteingänge in Mittweida hatte sich sogar der ehemalige Präsident des Deutschen Bundestages, Wolfgang Thierse, als Schirmherr angeschlossen.
Was einen Noteingang ausmacht
Als Noteingänge bezeichnen wir öffentlich zugängliche Orte (wie zum Beispiel Einkaufsläden, Tankstellen, Hotels, öffentlichen Einrichtungen usw.), in die Menschen eintreten können, die mit Gewalt, Bedrohung oder anderen Problemlagen für das leibliche Wohl konfrontiert werden, die sie akut nicht selbst lösen können. Der Noteingang soll in diesem Moment als Schutzraum dienen. Diese Orte sind von außen durch eine sichtbare Markierung in Form eines klar beschrifteten Stickers erkennbar. Mögliche Wege der Unterstützung vor Ort umfassen:
- Betroffene können an dem Ort Personen (z.B. Verkäufer:innen) ansprechen, um in dem Moment
- um Hilfe zu bitten;
- eine/n Zeugen/Zeugin für eine bedrohliche Situation zu haben,
- Angehörige oder medizinische Unterstützung rufen zu können,
- oder einfach dem allein-sein-Gefühl entgegenzuwirken.
- Gegebenenfalls kann die Tür hinter sich geschlossen werden, um die bedrohlichen Situation durch physische Abgrenzung zu entschärfen.
Als Situationen der Bedrohung bzw. Gewalt sehen wir folgende Umstände an:
- Personen werden aufgrund ihres Aussehens, ihres (wahrgenommenen) Geschlechtes, ihrer (vermeintlichen) Herkunft, ihrer Nationalität, ihrer Sprache, ihrer Sexualität oder ihrer politischen Einstellung von Dritten beleidigt, übergriffig behandelt (z.B. Weg versperren) oder ihnen Gewalt zugefügt.
- Personen müssen aufgrund der aufgezählten Umständen konkret davon ausgehen, dass bei einer absehbaren Konfrontation mit Dritten ihnen Beleidigungen, übergriffiges Verhalten und/oder Gewalt droht.
- Personen befinden sich in medizinischen Notlagen und benötigen Unterstützung oder die Möglichkeit telefonisch Hilfe rufen zu können.
- Personen sind desorientiert oder haben den Anschluss zu ihren Bezugspersonen verloren und benötigen kurzweilig einen Ort zum Verbleib bzw. eine Möglichkeit Angehörige kontaktieren zu können.
Die Schaffung von Noteingängen kann jedoch nur ein erster Schritt sein und muss nach Ansicht der Verfasser*innen von weiteren Maßnahmen begleitet werden, um nachhaltig wirken zu können.
Das Projekt unterstützen und Noteingang werden
Noteingang können prinzipiell alle Orte werden, die öffentlich zugänglich sind und während ihrer Öffnungszeiten Personal vor Ort haben, das bereit ist, die entsprechende Verantwortung zu übernehmen. Außerdem sollten sich alle Beteiligten mit den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft identifizieren und willens sein, sensibel gegenüber Diskriminierungserfahrungen zu sein. Es bestehen keine Verpflichtungen außerhalb der eigenen Öffnungszeiten ansprechbar zu sein. Das Projekt soll neben akuter Hilfe auch die Entstehung eines nachhaltigen, solidarischen Netzwerks unterstützen. Daher wird kein Ort und kein*e Unterstützer*in allein gelassen. In Netzwerktreffen der Noteingänge und weiteren Kooperationspartner*innen kann sich über Fragen und Erfahrungen ausgetauscht werden. Auch ist es möglich sich aktiv in die Weiterentwicklung des Projektes einzubringen. Dies ist auch möglich, wenn man selbst nicht die räumlichen Voraussetzungen besitzt ein Noteingang zu werden, aber dennoch das Projekt tätig unterstützen möchte. Allen Noteingängen wird zudem ein Leitfaden ausgeteilt, der grundlegende Handlungsvorschläge für Notsituationen bereithält.
Gesellschaftliche Awareness
Über die Noteingänge hinaus ist es wichtig aufmerksam zu sein und bei möglichen Notsituationen den Betroffenen zu Seite zu stehen. Wirken Personen im öffentlichen Raum desorientiert, verängstigt oder sind verletzt sollten wir uns alle angehalten fühlen auf diese Personen zuzugehen und ihnen Unterstützung anzubieten. Das muss bzw. sollte nicht allein geschehen. Es ist stets möglich weitere Personen anzusprechen und diese auf die Situation aufmerksam zu machen, um gemeinsam Unterstützung zu leisten. Gerade in bedrohlichen Situationen, in denen dritte gegenüber den Betroffenen übergriffig oder gewalttätig werden oder geworden sind, ist es sehr wichtig mehrere Menschen einzubeziehen. Dadurch ist es wahrscheinlicher, dass das Eingreifen erfolgreich ist und sich einzelne Personen nicht zusätzlich gefährden.